Teisho zu:


Die Zehn Bilder vom Ochsenhirt
mit den Versen von Kakuan Zenji

von KUBOTA Ji'un



Die Serie mit den "Zehn Bildern vom Ochsenhirt" ist ein Beispiel dafür, wie das Thema vom Ochsen und seinem Hirten verarbeitet wurde. Dabei wird unser wesenhaftes Selbst versinnbildet von einem Ochsen. Wir suchen ihn, fangen und zähmen ihn, und am Ende ist das Selbst, das immer nach ihm gesucht hat, ganz und gar eins mit ihm. Aber auch das wird vergessen, so dass wir schließlich wieder unseren ganz normales Alltag leben. Diese Entwicklung wird von den Bildern im Einzelnen beschrieben. Sie zeigen das Voranschreiten unserer Übungspraxis und können uns helfen, diese zu überprüfen und uns zum Weitermachen anzuspornen. Darum hoffe ich, daß uns die Beschäftigung mit den zehn Ochsenbildern dazu anregt, unsere Übungspraxis immer wieder zu überprüfen, damit wir erkennen, welches Stadium wir erreicht haben und wie wir weitergehen sollen.

      Vom Verfasser der Verse, Meister Kakuan Shion, weiß man nur, dass er ein Schüler von Daizui Genjô Zenji (1063 - 1135) war und zur zwölften Generation in der Nachfolge von Rinzai Zenji gehörte. Kakuan, von dem man nicht mal Geburts- und Todesdatum weiß, hat zu jedem der zehn Ochsenbilder einen Vers verfasst. Später soll sein Schüler Jion eine allgemeine Einführung zum Ganzen und jeweils eine kurze Einführung zu den einzelnen Versen hinzugefügt haben. Manche sagen auch, Kakuan selbst oder ein Freund von ihm hätte das getan.

      Die Geschichte handelt von einem Ochsen und einem jungen Hirten. Der Ochse steht für das wesenhafte Selbst, nach dem wir suchen. Der junge Hirte repräsentiert das Ich der Erscheinungswelt auf der Suche nach dem wesenhaften Selbst, und zwar dem wirklichen Selbst, nicht nur Konzepte und Gedanken darüber. Dieser junge Hirte ist tatsächlich immer auf der Suche nach etwas. Er ist gierig nach Geld, Ansehen und sozialer Macht. Das Leben aber ist mehr als bloß Geld, Ansehen und Macht. Daher geht die Suche immer weiter, mal mithilfe dieser oder jener Philosophie, mal mithilfe dieser oder jener Religion. So wächst das phänomenale Ich immer mehr, wird größer und größer und strebt von Erfolg zu Erfolg. Doch manchen geht dieser endlose Kampf zu weit, sie werden zermürbt und psychisch krank, ja manche begehen Selbstmord. Für sie wurde das verbissene Streben nach etwas leider zum Verhängnis. Daran aber, dass man mit seiner ganzen Energie immer nach etwas sucht, hat sich nichts geändert.

      Woher aber kommt es, daß Männer und Frauen immer wieder in dieser Weise nach etwas suchen und streben? Nach der Lehre des Zen sind alle Menschen, Frauen und Männer, vom Wesen her gänzlich vollkommen, ja in Wahrheit unendlich und absolut. Das heißt, sie werden zurecht "Buddha" (hotoke) genannt, und man spricht von ihrem wesenhaften Buddha-Sein. In der phänomenalen Welt hat es dennoch den Anschein, als seien sie höchst unvollkommene, begrenzte, relative, vergängliche und
sündhafte Wesen, eben ganz gewöhnliche (bompu) und sich qualvoll abmühende Lebewesen (shujô). Obgleich sie als vollkommene Buddhas geboren werden, können sie ihre eigene Buddhanatur, ihr ureigenes Wesen mit seiner Vollkommenheit und grenzenlosen Absolutheit nicht wahrnehmen, wenn sie in ihrer angestammten Seinsweise verbleiben.

      Die Serie der zehn Bilder vom Ochsenhirten beschreibt sehr konkret den Prozess, in welchem das kleine, begrenzte, unvollkommene und relative Ich, der kleine Hirte, zum vollkommenen, unbegrenzten und absoluten Selbst, dem Ochsen, erwacht, den Ochsen ergreift, zähmt und dann wieder vergißt, um ihn schließlich ganz in seine Persönlichkeit einzuverleiben. Dabei dürfen wir aber nicht vergessen, daß diese Bilder und Verse den Entwicklungsgang nur beschreiben, aber nicht selbst ein Gegenstand konzeptuellen Denkens sein sollen. Für diejenigen, welche sich mithilfe der Zenübung, einschließlich der schmerzenden Beine, um eine Klärung des wahren Selbst bemühen, kann die Beschäftigung mit diesen Ochsenbildern also durchaus nützlich sein. Warnen muß ich dagegen diejenigen, denen es nur um ein rationales Zenverständnis geht. Für sie sind die Bilder und Texte der Ochsenserie vollkommen nutzlos.

      In meinen Erläuterungen will ich mich daher auch nicht mit der allgemeinen Einführung befassen. Vielmehr werde ich mich auf die Erläuterung des Inhalts der kleinen Einführungen der einzelnen Stadien konzentrieren. Sodann werde ich die angeschlossenen Verse von Meister Kakuan interpretieren.



Zum [Die Suche nach dem Ochsen] Zum [Das Finden der Ochsenspuren] Zum [Das Erblicken des Ochsen] Zum [Das Ergreifen des Ochsen] Zum [Das Zahmen des Ochsen]
Station 1:
Die Suche nach dem Ochsen
Station 2:
Das Finden der Ochsenspuren
Station 3:
Das Erblicken des Ochsen
Station 4:
Das Ergreifen des Ochsen
Station 5:
Das Zähmen des Ochsen
Zum [Der Heimritt auf dem Ochsen] Zum [Der Ochse ist vergessen, der Hirte bleibt] Zum [Ochs und Hirte sind verschwunden] Zum [Die Heimkehr zum Ursprung] Zum [Auf dem Marktplatz mit offenen Handen]
Station 6:
Der Heimritt auf dem Ochsen
Station 7:
Der Ochse ist vergessen,
der Hirte bleibt
Station 8:
Ochs und Hirte
sind verschwunden
Station 9:
Die Heimkehr zum Ursprung
Station 10:
Auf dem Marktplatz mit
offenen Händen

(Zuerst erschienen in Kyosho Nr. 245 - 259 (Jahrgang 1994-1996), hier
eine überarbeitete Fassung;
die Worter in [ ] sind Anmerkungen des Übersetzers; die Bilder sind Werke von Herrn YOKOO Tatsuhiko, Mitglied der Sanbô-Kyôdan Society)




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