Die Zehn Bilder vom Ochsenhirt: 10.Station
Auf dem Marktplatz mit offenen Händen

Auf dem Marktplatz mit offenen Händen
                      Einführung
  Fest verschlossen ist die Tür seiner Einsiedelei;
         selbst tausend Weise könnten ihn nicht finden.
  Verborgen bleibt das Licht seiner Weisheit,
         er folgt nicht den Spuren der Weisen von früher.
  Einen Kürbis im Arm betritt der den Marktplatz,
  Spricht Kneipenwirten und Fischhändlern die Buddhaschaft zu
         und kehrt mit einem Wanderstab heim in seine Hütte.

       Vers
Barfuß und mit entblößter Brust kommt er zum Markt
Mit Asche und Lehm beschmutzt - im Gesicht ein Lächeln.
Ohne das Geheimnis von Göttern und Hexen zu nutzen,
Bringt er verdorrte Bäume zum Blühen.


Jetzt kommen wir schließlich zur Besprechung des zehnten und letzten Bildes der Serie vom Ochsenhirt: Mit herabhängenden und leeren Händen erscheint er auf dem Marktplatz. So lässig wie nur möglich schlendert er mit schwingenden Armen zum Marktplatz. Von der ersten Station, der "Suche nach dem Ochsen", bis zur neunten, der "Rückkehr zum Ursprung", wurde durch die harte Übungspraxis nach und nach das Bewusstsein von allen Konzepten gereinigt. Auch Konzepte wie Buddha, buddhistischer Weg, Erleuchtung, Dharma und Dharma-Übertragung sind verschwunden, vollkommen ausgelöscht. Selbstverständlich gilt das auch von den Überresten des dualistischen Denkens wie dem Gegensatz zwischen Selbst und Anderen. Die Tiefe eines Menschen, der dieses Stadium erreicht hat, kann nicht mal von Shakyamuni Buddha ausgelotet und erkannt werden.

      Ein solcher Mensch, der diese Ebene erreicht hat, gibt auch seinerseits keine Anzeichen der erreichten Bewusstseinsverfassung, der Tiefe und Ruhe zu erkennen. Auch legt ein Mensch dieses Ranges keinen Wert auf die Einhaltung von Regeln des Umgangs oder der Lehrweise, wie sie von den Weisen und Heiligen früherer Zeiten überkommen sind. Ein solcher Mensch geht einfach dahin, wo er oder sie möchte, tut, was er oder sie möchte, und lebt, wie er oder sie möchte. Und doch kommt er dabei vom rechten Weg nicht ab. Er führt ein Leben völliger Freiheit, ein Leben natürlicher Einfachheit, ohne für etwas zu kämpfen - und doch entstehen auch keine Probleme.

      Als Beispiel für diese totale Freiheit und Natürlichkeit im Alltagsleben kennt ihr die Gestalt eines Menschen, der plaudernd auf dem Marktplatz erscheint, eine Sake-Flasche im Arm trägt und diesen Wein mit anderen teilt. Nach einiger Zeit strebt er halb betrunken mit schlotternden Knien nach Hause. Aber auch so übt er auf eine ganz natürliche Weise seinen Einfluss aus auf alle Anwesenden, auf die Wirtsleute und ihre Gäste, die Fischhändler und ihre Kunden, und überzeugt sie alle von der Tatsache, dass sie so, wie sie sind, erlöst und gerettet sind. Ein Mensch diese Ranges hat die Kraft einen derart weitreichenden guten Einfluss auf die Menschen auszuüben. Das Wesen der Erleuchtungserfahrung ist ganz und gar in die Person eingegangen, so sehr "personalisiert", dass nichts mehr fehlt. Mit anderen Worten: Dieser Mensch ist in seinem Buddha-Sein ausgereift.

      Jetzt zu den Versen von Meister Kakuan:


Barfuß und mit entblößter Brust kommt er zum Markt.

      Mit entblößter Brust und ohne Schuhe schlendert er gemächlich zum Marktplatz, ohne einen Gedanken darauf zu verschwenden, was andere wohl denken mögen. Ohne etwas voraus zu planen, öffnet er sein Herz, schwatzt mit allen und handelt spontan, wie es ihm gerade einfällt.
- Alle Bilder, welche die zehnte Station der Ochsenhirtgeschichte, darstellen, zeigen an dieser Stelle eine Gestalt, die einen altchinesischen Mönch mit Namen Hotei († 917) zeigen. Der Überlieferung nach soll er von kräftiger Statur gewesen sein und zur nackten Brust seinen dicken Bauch gezeigt haben. Neben seinem großen Wanderstab trug er einen großen Sack und lief immer barfuß. Wahrscheinlich ist er, der eine Manifestation des Bodhisattva Maitreya gewesen sein soll, tatsächlich so aufgetreten, wie der Vers es umschreibt. - Das ist auch ein Zielbild eurer eigenen Praxis. So lange noch der kleinste Rest eines Geruchs vom Erleuchtungserlebnis übrig ist, wäret ihr noch unvollkommen und unreif. Und es wird nötig, mit der eigenen Übungspraxis noch intensiv weiterzumachen.

Mit Asche und Lehm beschmutzt - im Gesicht ein Lächeln.

      Nur ein Mensch diesen Formats und mit dieser Erfahrung ist auch in der Lage, Mitleid zu empfinden mit einem leidenden Menschen (kaitô-domen: aschenbedeckter Kopf und lehmbeschmutztes Gesicht), wodurch er die Kraft erhält, ihm auch zu helfen und ihn zu retten. Diese Kraft ist nicht die Folge einer großen Willensanstrengung, sondern das Ergebnis eines tief empfunden Mitleidens. Darauf bezieht sich die Rede vom "ganz natürlichen Mitgefühl jenseits aller Dharma-Bande". In ähnlicher Weise hat Shakyamuni einst gesagt: "Alle Länder sind mein Land und alle Lebewesen in diesen Ländern sind meine Kinder." Wer dieses Niveau erreicht, hilft anderen Menschen, jeden Tag zu jeder Zeit und an jedem Ort auf ganz natürliche Weise, ihr eigenes Buddha-Sein zu realisieren.

      Weil so ein Mensch immer zufrieden und friedvoll in seinem Herzen ist, gibt es immer ein Lächeln auf seinem Gesicht. Auch wenn es gerade nichts zu lachen gibt, zeigt sein Gesicht doch immer ein freundliches Lächeln. Das wird ausgedrückt mit der Formel: Immer Frieden unter der Sonne (tenka-taihei) .

Ohne das Geheimnis von Göttern und Hexern zu nutzen.

      Um einen solchen Zustand zu erreichen und in dieser Weise zu leben, braucht es keine übernatürlichen Fähigkeiten oder die Kräfte eines Wunderheilers aus einer Einsiedelei. Das wird in der letzten Zeile unseres Verses zum Ausdruck gebracht. In früheren Zeiten sind Menschen, die ernsthaft Zazen praktiziert haben, oft durch ihre starke geistige Konzentration in die Lage geraten, allerlei Arten übernatürlicher Kräfte zu erlangen. Shakyamuni selbst hat gelegentlich in Dharma-Gefechten mit nichtbuddhistischen Gegnern solche Fähigkeiten eingesetzt. Diese aber sind, genauer betrachtet, lediglich ein paar Nebenprodukte der Zazenpraxis, nicht aber das Ziel der Praxis des buddhistischen WEGES. Wenn jemand solche Kräfte bekommt, ist das sicherlich auch nichts von Wichtigkeit. Die Geschichte von den Ochsenhirtbildern ist weit davon entfernt, diese Fähigkeiten und Kräfte besonders herauszustellen. Im Gegenteil, sie sagt ausdrücklich, dass sie nicht notwendig seien.

Bringt er verdorrte Bäume zum Blühen.

      Wer die Vollendung im Sinn der Ochsenbilder erreicht, kann auch denjenigen, die - wie ein vertrockneter Baum - alle Geisteskraft verloren haben, dazu verhelfen, wieder aufzublühen und neuen Lebensatem zu schöpfen. Das Gelübde, das ausgedrückt wird mit den Worten: "Zahlreich sind die Lebewesen. Ich gelobe, sie alles zu retten" ist wahrhaftig ein Gelöbnis und ein Gebet aller Buddhas und Bodhisattvas, und es ist die tiefste Quelle der Übungspraxis des buddhistischen WEGES. Die Tatsache, das diese Fähigkeit in allen Menschen, Männern und Frauen, ohne Ausnahme immer und vollkommen vorhanden ist - das hat Shakyamuni Buddha gelehrt, das hat er gelebt, und das hat er weitergegeben.
(übersetzt von Peter LENGSFELD)


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