Die Zehn Bilder vom Ochsenhirt: 9.Station
Die Heimkehr zum Ursprung
Einführung
Vom Urbeginn an ist es klar und makellos, kein bisschen Staub haftet ihm an.
So beobachtet er das Entstehen und Vergehen aller Gestalten,
bleibt selbst aber in der Stille des Nicht-Tuns.
Da sind keine Trugbilder; warum also kämpfen und streben?
Blau sind die Wasser, grün die Berge; nun sitzt er in Ruhe da
und betrachtet gelassen den Lauf der Dinge.
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Vers |
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Wie viel Zeit und wie viel Schmerzen waren nötig, um die achte Station "Ochse und Hirte verschwunden" zu erreichen! Dabei wurde klar, dass Subjekt und Objekt, Mensch und Dharma, vollkommen leer sind. Da dies erst als Ergebnis äußerst langwieriger Bemühungen und harter Arbeit erkannt werden konnte, neigt man dazu, an dieser Phase hängen zu bleiben und sich am Ergebnis auf Dauer festzuhalten - ein bleibender Rest der Erleuchtungserfahrung! Wenn es dann gelingt, durch weiterhin eifriges Sitzen diese Reste abzuwaschen, kommt man zu der Einsicht, dass dieses Faktum "Ochse und Hirte verschwunden, Person und Dharma sind leer", zum Wesensgehalt des Menschseins gehört und überhaupt nichts Außergewöhnliches darstellt. Durch diese Erfahrung kehrt man zum Ursprung zurück, zur Quelle, von der alles seinen Ausgang nahm. Das ist die "Heimkehr zum Ursprung", wo keine Spur von "Buddha" oder "Buddhismus" gefunden werden kann. - Es ist durchaus wahr, dass der Zustand nach der Erleuchtungserfahrung genau der gleiche ist wie zuvor. Es ist die Bewusstseinsverfassung, von der es heißt: "Seht dort den gelassenen Menschen des Weges, der das Lernen beendet und jetzt nichts mehr zu tun hat." In dieser Phase kann man erkennen, dass alle Schwankungen wie die Hochs und Tiefs dieser Welt, so wie sie sind, völlig leer und substanzlos sind. Sie sind Manifestationen der vollkommen Stille und des Nichtseins. Wenn man das so ausdrückt, klingt es so, als seien da zwei Dinge, das Sein und das Nichtsein. In Wahrheit jedoch ist das Sein das Nichtsein. Alles Seiende ist so, wie es ist, nicht seiend. Zwischen beidem gibt es keinen Unterschied. Diese Aussage "Seiendes ist nicht-seiend" ist eine nackte Tatsache, nicht ein vorübergehender Traum oder eine Illusion. In dieser Phase kann man klar erkennen, dass es im Grund unnötig war, sich mit allen Kräften der Übungspraxis des WEGES zu widmen und sich um Erleuchtung zu bemühen. Das ist eine wichtige Einsicht: Man beginnt mit der Suche nach dem Ochsen, der ersten Station. Und nach einigen Jahren des Übens kommt man schließlich zur neunten Station, der Rückkehr zum Ursprung. Und als Resultat des ganzen Prozesses muss man dann sagen, eigentlich sei alles unnötig gewesen, sowohl die angestrengte Übungspraxis als auch die Erleuchtung selbst. Es wäre aber total falsch, von Anfang an zu glauben, die Übungspraxis sei unnütz und die Erleuchtungserfahrung nicht erstrebenswert. Eine solche Einstellung wird faules Zen oder Pseudo-Zen (buji-zen) genannt. Heute sind nahezu alle Zen-Schulen in Japan auf dieses Niveau abgesunken. Sie glauben, das Sitzen allein sei genug, und wissen die Erleuchtungserfahrung nicht zu schätzen oder ignorieren sie. - Andererseits soll man nicht vergessen: Wie sehr man auch die Wichtigkeit der Erleuchtungserfahrung herausstellt, so lange es bei dieser verbalen Betonung bleibt oder sobald egoistischer Hochmut die Erleuchtung, wenn sie denn echt war, überdeckt, bleibt man auf halbem Wege stecken. Es gibt keinen anderen Weg als das intensive Sitzen. Sitzen und nochmals Sitzen, um schließlich einmal sagen zu können, dass alle Übungsanstrengungen und die Erleuchtungserfahrung letztlich nicht nötig sind. Nun wieder zum Vers von Meister Kakuan: Heimgekehrt zum Ursprung, sieht der Hirte, wie vergeblich alle Mühe war. Jetzt ist der Hirte zum ursprünglichen Anfangspunkt zurückgekehrt. Wie groß war die Mühe, dahin zu gelangen! Von Zeit zu Zeit habt ihr euch das Gesicht gewaschen mit kaltem Wasser. Oder ihr seid in Verzweiflung geraten, als ihr in der Abenddämmerung das Gequake der Frösche gehört habt. Oder ihr seid trotz schmerzender Beine und unerträglicher Erschöpfung weiter beim Sitzen geblieben. Vielleicht habt ihr auch einige Male das Gefühl gehabt, jetzt sei der Augenblick für eine echte Erfahrung gekommen, aber sogleich haben sich Angst und Unzufriedenheit breit gemacht. Und wie oft seid ihr nahe dran gewesen, mit dem Sitzen überhaupt aufzuhören! Was wäre besser in dem Moment, als blind und taub zu sein? Wenn ihr jetzt an das alles denkt, mag die Frage aufkommen: Warum bin ich da nicht einfach taub und blind geworden? "Blind und taub" meint den Zustand, in dem man einfach nichts mehr sieht und hört. Wenn ihr "seht", gibt es nur dieses Sehen - und es gibt kein Subjekt, das sieht. Wenn ihr "hört", gibt es nur dieses Hören - und das Subjekt, was da hört, existiert gar nicht. Und die Objekte, die da gesehen oder gehört werden, sind so, wie sie existieren, gänzlich leer und ohne Substanz. Aber es will nicht gelingen, diese Logik wirklich einzusehen. Wenn dies aber als Tatsache erfahren wird, dann seid ihr in Wahrheit "blind und taub", wie im Vers gesagt. Vom Inneren der Hütte aus sieht er nicht, was draußen ist. Der verstorbene Yamada Kôun Roshi meinte, diese Zeile entstamme einem Gespräch zwischen Meister Unmon (+949) und Meister Kempô. Als Unmon Meister Kempô besuchte, stellt er ihm folgende Frage: "Warum weiß ein Mensch in einer Hütte nicht, was draußen los ist?" Auf diese Frage ist Kempô in schallendes Gelächter ausgebrochen. Warum also - das ist der springende Punkt - kann die Person in der Hütte, das Subjekt, nicht das Objekt sehen, was außerhalb der Hütte ist? Weil außerhalb der Hütte überhaupt nichts existiert! - Jetzt mag man denken: also gibt es in Wahrheit nur dieses Subjekt. Aber das ist nicht wahr! Denn auch dieses "Subjekt" ist nicht existent. Ganz von selbst strömt das Wasser weiter. Ganz von selbst erstrahlen die Blumen in köstlichem Rot. Ruhig fließt das Wasser dahin, scharlachrot strahlen die Blumen. Diese Zeile erweckt den Anschein, als existierten nur die Gegenstände der äußeren Welt, und es gäbe keinerlei Subjekt. Aber auch diese Objekte existieren in Wahrheit nicht. Es fließt einfach nur Wasser und rot leuchten die Blumen. Jedes Ding ist einfach so wie es ist - und jedes Ding ist leer, wie es ist. Die Tatsache, dass es keinen Unterschied gibt zwischen sich selbst und anderen, setzt sich einfach so fort. Das Wasser fließt von selbst - und die Blumen sind natürlicherweise von leuchtendem Rot. |