Die Zehn Bilder vom Ochsenhirt: 8.Station
Ochs und Hirte sind verschwunden
Einführung
Alles Gewöhnliche ist abgefallen; was heilig schien, hat sich als leer erwiesen.
Wo Buddha ist, soll man nicht verweilen;
auch wo Buddha nicht ist, soll man schnell weitergehen.
Wer an keinem von beiden haftet, kann auch von tausend Augen
nicht durchschaut werden.
Selbst wenn Millionen Vögel kämen, um Blumen zu streuen,
wäre die Schande übergroß.
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Vers |
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In der achten Station geht es um die Tatsache, dass der Hirte, der nach dem Ochsen auf der Suche war, und das wesenhafte Selbst, der Ochse, als Objekt dieser Suche eigentlich nie existiert haben. Diese Tatsache kommt auch in Dôgen Zenjis Ausspruch zum Ausdruck: "Weggefallen sind Körper und Geist." So sagte er zu seinem Lehrer Tendô Nyojô Zenji (1162 -1227), nachdem er zur großen Erleuchtung gelangt war, als der Meister gesagt hatte: "Zen praktizieren bedeutet, Körper und Geist wegfallen zu lassen." Sich selbst vergessen haben, alle anderen auch vergessen haben, alle Dinge der Welt vergessen haben! Da ist nur der eine runde Kreis ohne jeden Inhalt. Das ist gemeint mit den Worten: Hirte und Ochse - beide vergessen. Um diesen Zustand zu erreichen, ist es von äußerster Wichtigkeit - wie ein Sprichwort sagt -, "nicht dort zu verweilen, wo die Buddhas sind, und auch dort schnell vorbeizugehen, wo sie nicht sind". Dabei bedeutet das "Verweilen, wo die Buddhas sind", seine Zeit mit solchen Gedanken und Konzepten wie zum Beispiel "Buddha" oder "Erleuchtung" und dergleichen zu vertrödeln. So lange man noch irgendwie liebäugelt mit Vorstellungen wie Kensho, großer Erleuchtung (daigo tettei), Dharma-Übertragung (inka shômei) und Ähnlichem, ist man kein authentischer Zenmensch. Auf der anderen Seite bezieht sich der Ausdruck "Wo die Buddhas nicht sind" auf eine Bewusstseinsverfassung, in der einen solche scheinbar kostbaren Vorstellungen gar nichts mehr angehen. Auch einen solche Zustand soll man nicht nähren und pflegen oder darauf stolz sein, sondern rasch daran vorbeigehen. Bei der Erläuterung des siebten Bildes "Der Ochse ist vergessen, der Hirte bleibt" habe ich davon gesprochen, dass hier noch eine bestimmte Art von Selbst-Bewusstsein bleibt, während der Hirte gelassen verweilt in einem Zustand, in dem es "keine Buddhas" gibt. Wer diese Bewusstseinsstufe durchlaufen hat, für den liegt die Welt, in der es nichts und niemanden mehr gibt, klar und offen zutage. Wer beide Ebenen durchlaufen hat, die Welt der Buddhas und die der Nicht-Buddhas, befindet sich in einer Welt, in der selbst Manjushri oder Shakyamuni Buddha mit ihrem klaren Auge nichts mehr wahrnehmen können. Denn hier gibt es überhaupt nichts mehr. Das ist die tiefste Basis des Zen, die Welt des Nichts, welche nur durch eigene Erfahrung zu realisieren ist. Ohne diese Erfahrung gibt es kein authentisches Zen; es wäre nicht mehr als eine intellektuelle Spielerei mit Plastikfiguren. Wen jemand das wahre Faktum wirklich erfahren hat, wie mag sich das äußern? Ich will ein Beispiel vorstellen. Im alten China gab es einen Zenmeister namens Gozu Hôyû (594 -657). Er war ein rechtschaffener Mann und wurde auch von den Nachbarn hoch geschätzt. Selbst die Vögel sangen sein Lob; sie holten Blumen herbei, um sie ihm darzubringen. Später aber, nachdem er unter dem vierten Patriarchen Daii Dôshin Zenji (580 - 651) große Erleuchtung erfahren hatte, stoppten die Vögel diese Blumengaben. So lange jemand von anderen als hervorragende Persönlichkeit, als tugendsames Vorbild hoch gelobt wird, ist er nicht wirklich groß und authentisch. Ein Mensch mit tiefer Erleuchtungserfahrung macht nicht viel Wind um sich. Die Vögel konnten Hôyû Zenji nicht mehr entdecken, weil er für sie unsichtbar und gleichsam ein "niemand" geworden war. Jetzt schauen wir den Vers an, den Kakuan Zenji gemacht hat. Peitsche und Leine, Ochse und Hirt - alles ist weg. Wer Zaumzeug, Peitsche und Leinen mit Sorgfalt und aller Kraft auf der Suche nach dem wahren Selbst eingesetzt hat, erreicht irgendwann das Ziel. Dann stellt er fest, Peitsche und Leine, Ochse und man selbst - alles ist leer und ohne jede Substanz. Nichts und niemanden gibt es in dieser Welt. Weit und breit nur blauer Himmel - das kann niemals mitgeteilt werden! Unendlich weit dehnt sich der klare blaue Himmel. Das ist ein Ausdruck für das wahre Faktum der Leere, die Welt des wahren Selbst. Da sie gänzlich leer ist, gibt es auch nichts mitzuteilen. Oder -- um es klar zu sagen -- schon von allem Anfang an ist es als diese große Leere "mitgeteilt" worden. Wie sollte sich auf rotglühendem Ofen eine Schneeflocke halten? Auf einem riesigen Hochofen mit mächtigen Flammen schmilzt alles dahin. Auch Schnee verdampft sofort und lässt keine Spur zurück. Solche Brennkraft wie dieser Ofen hat das wahre Faktum des absoluten Leere. Da bleibt nichts übrig, nicht das geringste Bisschen an unterscheidenden Gedanken, kein bisschen Schnee. Wer dahin kommt, versteht genau, was die Alten meinten. Erst auf dieser Ebene kommt man mit dem Geist der Buddhas und Patriarchen gleich. Ja, wenn diese Ebene nicht erreicht wird, hat die Zenpraxis eigentlich keinen Sinn. Nur mit dieser Erfahrung kann man das Problem von Leben und Tod wirklich lösen und wahren Herzensfrieden erlangen. - Freilich, dies ist erst die achte Station auf dem Weg der Zenpraxis. Die Übung muss weitergehen, um höhere Ebenen zu erreichen. |