Die Zehn Bilder vom Ochsenhirt: 7.Station
Der Ochse ist vergessen, der Hirte bleibt
Einführung
Der Dharma kennt keine Zweiheit; das Wichtigste ist der Ochse.
Er gleicht dem Hasen, der in einer Schlinge,
Fisch, der in einer Reuse gefangen wird,
Dem Gold, das man aus Erz gewinnt,
und dem Mond, der hinter den Wolken aufsteigt.
Dieses einzigartige klare Licht
ist schon am Leuchten von Urbeginn an.
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Vers |
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Wir sind angekommen an der siebten Station: Der Ochse ist vergessen. Auch hier ist mit dem Ochsen unser wahres oder uranfängliches Selbst gemeint. Das ist das Mu, mit dem die meisten üben und nach dem sie suchen. Was aber ist damit gemeint, wenn es heißt, den Ochsen zu vergessen. Begonnen haben wir damit, den Ochsen zu suchen. Dann haben wir ihn gesehen und gefunden, festgehalten und gezähmt, ihn unter Kontrolle gebracht und dazu erzogen, das zu tun, was ihm befohlen wird. Im Verlauf dieser Entwicklung habt ihr es mit vielen Koans zu tun bekommen. Und ihr kennt die Freude, wenn sie gelöst waren, und auch die Angst, nicht hindurch zu kommen. Wenn auf derart gründliche Weise nach dem wahren Selbst, dem Ochsen, gesucht wird, verschwindet das suchende Selbst (die suchende Person) - und es bleibt nur das wahre Selbst, der Ochse, übrig. Genau gesagt, ist dies die Welt, in der auch das wahre Selbst nicht zu Bewusstsein kommt. Das Selbst ist ganz und gar vergessen; es ist die Welt der Leere, in der es "kein Wölkchen am Himmel" gibt, "das den Blick behindern könnte." Wer für diesen Sachverhalt einen Vergleich sucht, könnte an die Gewinnung von reinem Gold aus einem Erzvorkommen denken. Reines Gold, vollkommen rein, ohne jeden Makel! Das ganze Universum ist reines Gold! Vom Erz, aus dem das Gold einmal gewonnen wurde, und von dem Werkzeug, das man benutzt hat, ist nichts mehr da. Nur reines Gold! Zum Vergleich kann man auch an den Mond denken, der in voller Helle und Klarheit am Nachhimmel strahlt, wenn sich alle Wolken verzogen haben. Die ganze Welt gleicht dem Mond, der von keinerlei Wolkenschleier verdeckt wird. Die überwältigende Realität der absoluten Leere übersteigt alle Möglichkeiten der Beschreibung. Nur durch lebendige Erfahrung kann diese Welt wahrgenommen und "geschmeckt" werden. Wer hierhin kommt, für den werden die Koans, mit denen er oder sie bis dahin gekämpft und gearbeitet hat, ganz und gar nutzlos, wie unnütze Möbelstücke. Doch gibt es immer noch die Möglichkeit eines weiteren Fortschritts. So gibt es an diesem Punkt noch immer ein Bewusstsein davon, dass es in dieser Welt keine Substanz gibt. Das wird ausgedrückt in dem kurzen Satz: "Der Hirte bleibt." Yamada Kôun Roshi hat seine diesbezügliche Erfahrung so formuliert:
Jetzt wollen wir den Vers von Meister Kakuan näher betrachten: Schon hat er auf dem Rücken des Ochsen sein Heim erreicht. Der Vers zum sechsten Bild dieser Serien begann mit den Worten. "Auf dem Rücken des Ochsen will der Hirte friedlich nach Hause reiten". Er will nach Hause reiten, aber er kann nicht. Warum? Ich sagte: Weil es da noch immer ein Ich gibt, das auf einen Ochsen schaut. Wird dieses "Ich", das da auf den Ochsen schaut, weggenommen, dann hat man tatsächlich sein Heim erreicht. Ich wünsche allen, dies wirklich zu erfassen, wie wichtig die Erfahrung ist, dieses Selbst wenigstens einmal ganz und gar zu vergessen. Da ist der Ochse verschwunden und der Hirte allein. Beide, sowohl der Ochse, der gesucht wird, wie auch der Suchende selbst, sind ganz und gar leer und substanzlos. Wenn das einmal klar erkannt wird, dann sind der Ochse und der Suchende vollkommen eins. Wir können auch sagen: "Hört das Suchen auf, dann erscheint die Einheit." Und es erscheint ganz klar die Welt, in der es "nichts und niemanden" gibt. Im Shôdôka, einem Gedicht von Yôka Daishi (+ 713), wird das ausgedrückt mit den Worten: "Seht dort den gelassenen Menschen des Weges, der das Lernen beendet und jetzt nichts mehr zu tun hat." Als die Sonne schon hoch am Himmel steht, ist er noch am Träumen. Da bleibt absolut nichts mehr zu tun! Auch wenn die Sonne morgens am Himmel hoch steigt und schon drei Bambuslängen erreicht hat, ist er noch am Schlafen und Träumen. Damit beschreibt der Vers einen Stand der Verwirklichung, dem entsprechend das ganz Universum heil und gesund ist. Peitsche und Halfter hängen nutzlos im Stall. Zaumzeug und Peitsche, die zur Zähmung des Ochsen vonnöten waren, sind unnütz geworden. Wie verloren hängen sie in der Ecke am Haken, während schon rings um die Hütte das Gras wächst. Mit viel Mühe musste der Ochse mit diesen Mitteln gezüchtigt werden. Aber jetzt sind sie nutzlos geworden. Doch dürfen die Anstrengungen nicht aufgegeben werden! Denn es gibt noch dieses Bewusstsein eines Selbst, das es "nicht nötig hat, den Ochsen zu züchtigen." |