Die Zehn Bilder vom Ochsenhirt: 6.Station
Der Heimritt auf dem Ochsen

Der Heimritt auf dem Ochsen
                      Einführung
  Der Kampf ist vorbei, Gewinn und Verlust zunichte.
  Der Hirte singt ein Holzfällerlied und spielt auf der Hirtenflöte.
  Auf dem Rücken des Ochsen reitend, starrt er nur in die Wolken.
  Wird er gerufen, wendet er sich nicht um;
         will ihn jemand aufhalten, bleibt er nicht stehen.

       Vers
Auf dem Rücken des Ochsen will der Hirte langsam
    nach Hause reiten.
Im rötlichen Abendlicht spielt der Fremde auf seiner Flöte.
Jeder Takt, jeder Ton ist erfüllt von unvorstellbarem Klang.
Echte Freunde wissen davon auch ohne Worte.


Jetzt kann der Hirte in aller Ruhe den Rücken des Ochsen besteigen und auf ihm heimreiten. Die langwierige Mühe des Zähmens hat sich gelohnt. Jetzt folgt der Ochse genau jedem Wink.

      Während der Zähmungsphase war es gelungen, das wahre Selbst zu packen. Wenn dann aber auch nur wenige Gedanken dazwischen kommen, werden es bald mehr und mehr, und man wird von ihnen belästigt noch und noch. Besonders der Gedanke, eine außergewöhnliche Erleuchtungserfahrung erlangt zu haben, wird unmerklich zu einer Quelle des Hochmuts, der schwer wieder auszulöschen ist. Dann versucht man erneut, den Ochsen zu zähmen und diesen Gedanken zu bekämpfen, zum Beispiel, in dem man sich sagt: "Das ist nicht genug! Das reicht noch nicht!"

      Jetzt haben diese Mühen Früchte gebracht. Der Kampf ist endlich vorbei. Das heißt: Man hat erkannt, dass alle Unterschiede substanzlos sind. Alle Gegensätze wie die zwischen Erleuchtet und Unerleuchtet, Heilig und Gewöhnlich, Gut und Böse, Gewinn und Verlust sind in sich selber leer, und die Mauer zwischen diesen Gegensätzen ist verschwunden.

      Ähnlich wie Holzfäller, die auf dem Heimweg ein Liedchen summen, oder unschuldige Kinder, die fröhlich auf ihrer Flöten spielen, bewegt er sich nun ohne Hemmung frei und frohgemut auf seinem Weg. Aus dem Blickwinkel gewöhnlicher Menschen ist das ein beneidenswerter Zustand. Der Ochse, das wahre Selbst, tut genau das, was ihm gesagt wird. Behaglich kann man sich im Gras auf den Rücken legen und am Himmel die Wolken beobachten, wie sie langsam und gemächlich von einer Seite zur anderen ziehen.

      Wenn man den Ochsen jetzt anruft, wendet er nicht mal seinen Kopf. Und wenn man versucht, ihn anzupacken und in eine Richtung zu zerren, würde er nicht Halt machen. Alle Dinge nehmen ihren Lauf, Tag für Tag und Stunde für Stunde tut man einfach das, was jetzt dran ist, und geht seinen Weg ohne Hindernis.

      Das ist in der Tat ein wunderbarer Zustand. Aber er birgt auch eine große Gefahr. Denn es handelt sich ja um einen Ochsen, der da so gemütlich daher läuft, und ein Selbst, das auf diesen Ochsen schaut. Dieses Selbst ist glücklich und zufrieden, wenn es auf den Ochsen blickt, und es denkt bei sich, wie wunderbar und angenehm doch alles geworden ist. So verkündet man auch anderen von seinem Erfolg. Und diese staunen darüber und denken, dieser Mensch muss etwas Besonderes sein, aber sie fühlen sich nicht gedrängt, selbst Zazen zu praktizieren. Diese Art des Umgangs mir der Zenerfahrung ist im Grund ein vollkommen nutzloses Zen, das nur der Selbstbestätigung dient. - Wenn es so weit gekommen ist, muss man sich unbedingt selbst dazu anspornen, die Übungspraxis fortzusetzen und sich sagen: "Übe weitere 30 Jahre!"

      Jetzt schauen wir uns Meister Kakuans Vers an:


Auf dem Rücken des Ochsen will der Hirte langsam nach Hause reiten.

      Das Wort für "langsam" (iri) im Originaltext weist auf eine lange Reihe hin. Hier geht es darum, dass man langsam und friedlich auf dem Rücken des Ochsen, unserem wahren Selbst, den langen Heimweg antritt. Auch der Ausdruck "Reiten Wollen" deutet hin auf einen weiten Weg. Das Ende ist noch nicht in Sicht. Warum? Weil es da noch ein Selbst gibt, das auf den Ochsen schaut, ein Ich, das auf dem Rücken den Ochsen sitzt.

Im rötlichen Abendlicht spielt der Fremde auf seiner Flöte.

      Mit dem Fremden, dem Barbaren (kyô), ist ein Angehöriger eines Volksstammes vom Nordwesten Chinas gemeint. Der Klang einer Flöte aus diesem fernen Volke ist Ton für Ton ein Gruß an die niedersinkende Sonne. Das ist ganz klar zu hören. Doch hat dieser Flötenklang auch einen melancholischen Beigeschmack, denn er kommt aus einem fernen Land und wird von einem Fremden gespielt.

Jeder Takt, jeder Ton ist erfüllt von unvorstellbarem Klang.

      Doch trotz des Hauchs von Melancholie, der über allem liegt, vermittelt jeder Ton und jeder Rhythmus auch den Geschmack der Unendlichkeit. Das ist so, weil jede Bewegung der Hand, jeder Schritt mit den Füßen und jeder Grashalm eine Manifestation des wahren Selbst ist. Ihr könnt das nur wahrnehmen auf direkte Weise, nicht durch logisches Nachdenken und intellektuelles Manipulieren.

Echte Freunde wissen davon auch ohne Worte.

      Womit lässt sich dies vergleichen? Welcher Vergleich könnte uns helfen? Im alten China gab es zwei berühmte Freunde mit den Namen Hakuga und Chôshiki. Hakuga war ein berühmter Lautenspieler. Wenn er mit der Laute musizierte, konnte Chôshiki, sein Freund, sehr genau erkennen, in welcher Stimmung und Verfassung Hakuga war, indem er sorgfältig auf den Klang und Rhythmus der Lautentöne achtete. Was im Inneren ist, muss also nicht immer in Worten ausgedrückt werden. Es gibt also auch die Möglichkeit vollkommenen Verstehens im Schweigen.

      Diesen Zustand zu erreichen, ist aber nicht leicht. Ein enger Freund aber, in unserem Fall der Ochse, ist immer dabei, ohne ein Wort zu sagen oder irgendetwas zu verkünden. Weil dieser Zustand aber so glückvoll und zufriedenstellend ist, entsteht die Gefahr, mit allen Mitteln daran festzuhalten. Das hängt mit der Schwäche unserer menschlichen Natur zusammen. Nach und nach fallen wir, ohne etwas davon zu merken, zurück in diese Art des Denkens. - Dies ist erst der sechste Abschnitt der Entwicklung. Und man muss wissen, dass man immer noch "auf dem Wege" ist.



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