Die Zehn Bilder vom Ochsenhirt: 5.Station
Das Zähmen des Ochsen

Das Zähmen des Ochsen
                      Einführung
  Kommt auch nur der leiseste Gedanke auf, folgen ihm zwangsläufig viele andere.
  Im Erwachen wird alles klar und wahr, durch Verblendung falsch und verkehrt.
  Die Umstände sind daran nicht schuld, schuld ist allein unser Geist.
  Kraftvoll müssen wir ihn am Zügel fassen und dürfen kein Zögern aufkommen lassen.

       Vers
Immer muss der Hirte streng sein mit der Peitsche,
Sonst folgt der Ochse seiner Laune zu Staub und Schmutz.
Doch geduldiges Zähmen macht ihn sauber und sanft,
Und friedlich folgt er dem Hirten ohne Zügel und Zwang.


Wer die Phase des Ochsenfangens hinter sich gebracht hat, soll sich nicht auf seinen Lorbeeren ausruhen, sondern mit aller Kraft seine Praxis fortsetzen und versuchen, die nächste Station zu erreichen. Das Zähmen des Ochsens ist ein sehr wichtiger Prozess, in dem man sich die bisherigen Erfahrungen wirklich zu eigen machen muss.

      Den Ochsen zu fangen, bedeutet (wie schon gesagt), ganz klar zu sehen, dass unser inneres Selbst vollständig leer ist (ninkû) und dass alle Dinge im Universum ebenfalls völlig leer sind (hokkû) Eine solche Erleuchtungserfahrung beinhaltet aber noch nicht das automatische Verschwinden aller unserer Gedanken, Konzepte und Illusionen. Sobald ein Konzept wieder auftaucht, sind auch andere illusorische Gedanken und Vorstellungen bald wieder zur Stelle. Je klarer die Erfahrung des Ochsenfangens war, desto schwieriger ist es sogar, die Illusion zu vermeiden, als habe man mit diesem einen Blick in die andere Welt bereits alles verstanden, was dazu gehört. So kann ein hochmütiger Impuls nach dem anderen emporkommen, bis jemand von sich glaubt, er habe eine Erleuchtungserfahrung gemacht, die größer sei als die von Shakyamuni Buddha. Man platzt förmlich vor Stolz, rühmt sich wegen seiner Zenerfahrung vor anderen und erliegt dem leichtsinnigen Wunsch, Zen an andere zu vermitteln und sie zu führen.

      Natürlich kann man auch nach dem Wesen dieser illusorischen und unterscheidenden Gedanken, die unablässig aufsteigen, fragen. Sie sind nämlich in sich selbst gänzlich leer und ohne Wirklichkeitsgehalt. Wer aufgrund dieser Einsicht wirklich zur Ruhe kommt, für den kann jeder aufsteigende Impuls zur Manifestation des wahren Selbst werden. - Unglücklicherweise hängen wir Menschen aber immer sehr an unseren Erfahrungen und wollen sie nicht loslassen. Das gilt besonders für die Erfahrungsphase des Ochsenfangens - ein Erlebnis also, das den gewöhnlichen Menschen kaum zugänglich ist. Mit der Verwirklichung dieses Niveaus können die Versuchungen zu Hochmut, Stolz und Arroganz bedrängend werden: man denkt z.B.: "Keiner hat eine solch große Erleuchtung gehabt wie ich", oder: "Auch Shakyamuni könnte nicht so eine tiefe Erleuchtung erlebt haben wie ich". Das alles wird zu einem neuen Grund weiterer Illusionen.

      Wir sehen nur die Welt der dualistischen Unterschiede und Gegensätze, in der Subjekt und Objekt einander gegenüber stehen. Doch die Vorstellung, daß diese objektive Welt existent sei, kommt nicht daher, dass sie wirklich existieren würde. Nur in unserem Geist kommt es zu der Vorstellung, dass "Die objektive Welt existiert". Sie existiert also nur in unserem Geist. Nun taucht in unserem Geist auch die Vorstellung von einem "Ich" auf, das das Fangen des Ochsen erlebt hat. Von daher muss auch die dem arroganten "Ich" entsprechende objektive Welt auftauchen. In der Wahrheit aber, die durch das Fangen des Ochsen erlebt wird, ist die objektive Welt genauso leer wie die subjektive Welt. Dort gibt es weder Sein noch Nichtsein. Um in dieser Welt in Ruhe und Sicherheit zu weilen, muss man den Ochsen am Nasenring packen und daran festhalten. Beginnt der Ochse das Gras der täuschenden Unterscheidungen zu fressen, muss man ihn davon abhalten: "Nein, das nicht!" Und man darf nicht nachlassen mit der strengen Zenpraxis, wobei Mu als schärfste Waffe bis zum Ende das beste Mittel ist. In gewisser Hinsicht ist die Übungspraxis nach der Erleuchtungserfahrung viel schwerer als das Üben zuvor.

      Jetzt wollen wir uns Kakuans Vers anschauen:


Immer muss der Hirte streng sein mit der Peitsche.

      In der Phase des Ochsenzähmens muss man alle Mühe darauf verwenden, den einmal eingefangenen Ochsen unter Kontrolle zu bringen. Um ihn zu bändigen, müssen Peitsche, Seil und Nasenring immer zur Hand sein.

Sonst folgt der Ochse seiner Laune zu Staub und Schmutz.

      Beachtet man diese Vorkehrungen nicht, dann geht der Ochse seine eignen Wege und verliert sich im Schmutz und Staub der Welt der Unterscheidungen. Nicht nur geht er gerne in die profane Welt hinein, in der er sich zuvor lange Zeit aufgehalten und auch wohl gefühlt hat, sondern er sehnt sich nach der Erleuchtungswelt (der Welt des Einfangens des Ochsen), aus der herauszukommen nun auch wieder nicht leicht ist.

Doch geduldiges Zähmen macht ihn sauber und sanft.

      Mit dem "geduldigen Zähmen" ist unser ernsthaftes und nachhaltiges Üben gemeint, bis der eigene Herz-Geist nach und nach reifer, ruhiger und reiner wird. Das ist eine sehr wichtige Entwicklungsphase. Wenn die Erleuchtung bestätigt wurde, kommt die schwierige Phase des Ochsenzähmens, in der viele Menschen, ohne es selbst zu merken, hochmütig, stolz und überheblich werden. Nur durch strenges Sitzen und anhaltendes Üben wird der eigene Herz-Geist nach und nach ruhiger, der Gesichtsausdruck wird sanfter und die zuvor schneidend barsche Sprechweise verliert sich allmählich. Würde das nicht geschehen, wäre es kein echtes Zen.

Und friedlich folgt er dem Hirten ohne Zügel und Zwang.

      Wenn der Ochse gezähmt und wirklich zahm geworden ist, folgt er jedem Wink, auch wenn man Zügel oder Ketten nicht zur Hand nimmt. Bei allen Handlungen wie Stehen, Sitzen, Lachen, Weinen ist der Ochse selbstverständlich präsent.


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