Die Zehn Bilder vom Ochsenhirt: 4.Station
Das Ergreifen des Ochsen
Einführung
Lange Zeit lebte der Ochse in dunkler Wildnis, heute hat man ihn endlich getroffen.
Doch der Ochse liebt noch die Wildnis; es ist schwer, ihn da herauszuholen.
Stark ist sein Verlangen nach dem duftenden Gras
und hartnäckig der Trieb, in der Wildnis zu bleiben.
Um ihn zahm und folgsam zu machen, braucht man die Peitsche.
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Vers |
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In der Phase des Ochsenfangens wird der Ochse, unsere Wesensnatur, mit viel Mühe eingefangen. Das Wesen des Ochsen ist klar geworden. Beim "Finden des Ochsen" hat man ihn aber erst einmal nur gesehen. Läßt das Bemühen nach, weil man denkt, dies sei schon das Höchste, was man erreichen kann, dann verschwindet der Ochse alsbald wieder aus dem Blick. Alles, was übrig bleibt, ist bloß eine Erinnerung daran, den Ochsen einmal gesehen und Erleuchtung einmal geschmeckt zu haben. Wer Erleuchtung erfahren hat, für den ist es von höchster Wichtigkeit, mit großer Strenge und Ausdauer mit seinem Üben fortzufahren, damit die Welt, in die ein kleiner Einblick geschehen war, immer klarer und deutlicher wird. Dieser Ochse in unserem Herzen war lange Zeit ausgerissen in entlegene Gebiete und wilde Gebirgslandschaften, d.h., er war tief in den Sumpf der phänomenalen Welt des Dualismus versunken. Und da er den Geschmack dieser Welt nicht so leicht vergessen kann, ist es nicht so leicht, ihn davon zu befreien. Erst nach vielen Jahren intensiver Praxis war es endlich möglich, den Ochsen einzufangen. Das ist das Stadium des Ochsenfangens. Was aber heißt das genauer, das Fangen des Ochsen, des wahren Selbst? Es bedeutet, ganz klar und ohne Vermittlung von Konzepten zu sehen, dass unser wahres Wesen vollkommen leer ist und dass unser wesenhaftes Selbst, weil es absolut leer ist, die Fähigkeit besitzt, zu allem und jedem zu werden. Darauf bezieht sich die Formel des Herz-Sutra: "Form ist Leere." Und das ist nicht bloß ein Gedanke oder ein Konzept. In dieser Phase gibt es keine Gefahr, den Ochsen zu verlieren. Nun aber hatte man sich an das Leben in dieser dualistischen Welt, das ja auch seine angenehmen und bequemen Seiten besaß, schon lange Zeit gewöhnt. Und der Ochse war, bis es zur Erkenntnis seines wahren Wesens kam, geradezu zum Sklaven seiner dualistischen Umgebung geworden, obwohl er in sich selbst vollkommen leer ist. Eingeschnürt in diese dualistische Welt war er außerstande, sich davon zu befreien. Der Teil von uns, der an der alten dualistischen Welt hängt, ist nicht nur sehr stark und halsstarrig, sondern hat auch die Neigung, außer Kontrolle zu geraten. Auf die eine oder andere Art bleibt man an der Vorstellung kleben, dass es eine objektive Welt außerhalb von uns gibt. Wer hingegen verstanden hat, dass unser wahres Wesen von Anfang an absolut leer ist, sollte auch erkennen, dass die objektive Welt ebenfalls völlig leer ist. Doch das ist nicht ganz leicht. Deshalb muss man immer weiter üben und hart daran arbeiten, die Frage nach der Leere der objektiven Welt zu klären. Wenn man begreift, dass nicht nur die innere subjektive Welt leer ist (nin-kû), sondern auch die äußere, objektive (hok-kû), dann ist die Zähmung des Ochsen erstmals ganz gelungen. Und es wird klar: Das ganze Universum ist eine einzige Person. Oder, wie Shakyamuni Buddha sagte: "Im Himmel und auf Erden gibt es nur mich allein." Jetzt können wir uns dem Vers von Meister Kakuan zuwenden: Alle Kräfte sind eingesetzt worden, den Ochsen zu fangen. Beim ersten Anblick des Ochsen war die Freude übergroß. Man fühlte sich ermutigt und auch dazu angeregt, den Ochsen nun mit Händen greifen zu wollen. Als Ergebnis dieser langwierigen Bemühungen gelingt es schließlich, den Ochsen am Nasenring zu packen und zu bändigen. Doch sein Ungestüm und seine Wildheit zu bändigen, ist noch schwerer. Doch nach dem ersten Zugriff merkt man, dass der Ochse noch eine tief eingewurzelte Neigung besitzt, in die Welt der Unterscheidungen und Dualitäten zurückzukehren. Man stellt sich selbst in den Mittelpunkt, sieht andere Menschen als getrennte Wesen an und ist wieder ganz in der Welt der Unterscheidungen gefangen. Die Zügel, mit denen man den Ochsen eingefangen und festgehalten hat, drohen zu zerreißen. Die langjährig eingeschworene schlechte Angewohnheit, eine Trennmauer zwischen sich selbst und anderen zu errichten, lässt sich nicht so leicht auflösen, auch wenn man die Welt der Leere einmal erkannt hat. Darum muss man sich immer intensiver auf die Übung des Zazen einlassen. Manchmal prescht er vor bis zur Spitze des Hochlands. Die Unfähigkeit zu einem Wechsel will ich noch etwas erläutern. Manchmal befindet man sich, und sei es auch nur für einen Augenblick, auf dem Höhepunkt des Ochsenfangens. Man glaubt, ihn fest zu besitzen. Dann möchte man in dieser Welt der Leere möglichst lange verweilen. Und es entsteht eine Anhänglichkeit an diese Welt, in der es allerdings - wie eine alte Redewendung sagt - "auch keine Lebewesen gibt, die man retten könnte, selbst wenn man dies wollte." Man wirft sich in die Brust und denkt, dass "niemand so eine tiefe Erleuchtungserfahrung besitzt" wie man selbst. Wird das Herz von diesem Gedanken besessen, dann ist alle Freiheit zum Denken und Handeln verschwunden. Gewiss, es mag nur wenige Menschen geben, welche die Welt der Leere so tief erfahren haben; und die Freude über diese Erfahrung mag unvergleichlich groß sein. Aber darin fest zu kleben, führt zu einer arroganten Selbstgefälligkeit und zu jener Zen-Krankheit, durch die man völlig nutzlos ist, um andere Lebewesen zu retten. Manchmal verbirgt er sich in Nebel und Wolken. Eine andere Neigung, die schwer auszurotten ist, betrifft die Rückkehr in die dualistische Welt, eine Illusionäre Vorstellung, eine Art makyô-Fantasie, die so rasch aufsteigt wie eine Nebelwand. Es ist sehr schwer, ihr zu entgehen. Denn die Bewusstseinsvorstellung "Ich habe eine so große Erleuchtung erlangt, dass andere nur davon träumen können" kann sich in so hartnäckiger Weise verfestigen, dass so ein Mensch noch widerspenstiger wird als andere, die keine Erleuchtung haben. Solche Menschen blähen sich auf und werden so hochmütig, dass ihnen kaum zu helfen ist. Zweifellos hat es früher auch schon solche Fälle gegeben, denn es gibt die Redewendung vom "arroganten Zen- Teufel" (Zen-Tenma), um davor zu warnen. Um diese Fallgrube zu vermeiden, muss man nach der Erleuchtungserfahrung sehr demütig sein und sich intensiver Zenpraxis widmen. |