Die Zehn Bilder vom Ochsenhirt: 3.Station
Das Erblicken des Ochsen

Das Erblicken des Ochsen
                      Einführung
  Als er vertraute Klänge hörte,
         erblickte er plötzlich den Ursprung von allem.
  Alle Sinne sind damit im Einklang.
         in allem Tun ist das Haupt des Ochsen präsent,
  Präsent wie der Salzgeschmack im Meer
         und der Geruch von Leim in der Malerfarbe.
  Õffnet er seine Augen,
         sieht er nichts anderes als sich selbst.

       Vers
Vom Strauch her ertönt der Gesang des Buschrohrsängers.
Warm scheint die Sonne, mild weht der Wind,
       am Flussufer leuchtet das Grün der Weiden.
Niemand kann dem Ochsen mehr entkommen.
Kein Maler könnte sein majestätisches Haupt
       mit den Hörnern malen.


"Den Ochsen finden" bedeutet, das wahre Selbst ganz klar zu sehen und zu erkennen. Genauer: Bis zu diesem Zeitpunkt war man gewohnt, sich vorzustellen, dass es irgendwo eine Substanz mit dem Namen "Selbst" oder "Ich" gäbe. Das wahre Selbst in voller Klarheit zu sehen, ist dagegen die Erfahrung der Tatsache, dass jenes Selbst vollkommen leer ist und keinerlei Substanz besitzt und dass es niemals so etwas wie ein substantielles Ich oder Ego gegeben hat.

      Diese Erfahrung wird bei vielen eingeleitet durch das Hören eines Klanges. Meister Mumon († 1260), der Autor des Mumonkan, hatte seine große Erleuchtungserfahrung, als er das "Bumm-Bumm" einer großen Trommel hörte. Meister Kyôgen († 898) war dabei, seinen Garten mit einem Besen zu fegen, wobei ein Stein gegen einen hohlen Bambusstamm prallte. Mit dem Klang dieses "Klack" verschwanden plötzlich alle illusionären Vorstellungen, in die er bis dahin verwickelt war, und er erfuhr das wahre Selbst. So gibt es viele ähnliche Beispiele für Erleuchtungserfahrungen, die durch einen Klang oder Laut ausgelöst worden sind.

      Wer das wahre Selbst erfährt, stößt damit auf die ursprüngliche Quelle allen Seins. "Was auch immer man sieht oder hört, jedes einzelne Phänomen, ist so, wie es ist, das wahre Selbst." Natürlich ist es von großer Wichtigkeit, dass dies eine echte Erfahrung ist. Sollte sich auch nur ein kleiner konzeptioneller Gedanke eingeschlichen haben, dann wäre es keine authentische Erfahrung, kein echtes "Finden des Ochsen."

      Schauen wir noch etwas genauer hin. Man spricht von sechs Arten der Wahrnehmung, nämlich die fünf Sinne Auge, Ohr, Nase, Zunge und Haut sowie als sechstes das Bewusstsein. Korrespondierend zu diesen sechs Organen haben wir sechs Arten von Objekten: Farbe und Form, Klang, Geschmack, Geruch, Objekte der Berührung und mentale Gegenstände. Dementsprechend gibt es auch sechs Bewusstseinsarten, nämlich das Sehbewusstsein, das Hörbewusstsein, Geschmacksbewusstsein, Kontaktbewusstsein und das geistige Bewusstsein. Wahre Erleuchtung besteht darin, dass alle diese Elemente echte Realität sind, frei von Substanz, das wahre Selbst. Von daher gibt es keinerlei Unterschied zwischen ihnen.

      Aber es geht nicht nur um die sechs Organe, Objekte und Bewusstseinsarten. Auch alle Bewegungen wie Aufstehen, Hinsetzen, Weinen, Lachen, Essen und Trinken sind das wahre Selbst, das wahre Faktum. So erscheint der wahre Ochse unübersehbar mit seiner ganzen Größe in völliger Offenheit.

      Leer von allem Inhalt kann man ihn vergleichen mit dem Salzgehalt des Meerwassers oder dem Klebstoff in einer Farbe: Beides kann man von außen nicht sehen. Gewöhnliche Menschen sehen nur die Oberfläche vom Meer oder der Farbe. Mit der Erleuchtungserfahrung aber realisiert man den Salzgehalt im Wasser und die Klebrigkeit in der Farbe, Elemente, die auch schon vorher ihre natürliche Funktion ausgeübt hatten, aber nicht zu sehen waren. Wer den Salzgeschmack des Wassers und die Klebrigkeit der Farbe aus eigener Erfahrung kennt, weiß, was das Wasser zum Meerwasser macht und der Farbe ihre Klebefähigkeit verleiht. Der kann voller Überzeugung sagen: das ist der Ochse, unser wahres Selbst. In der Folge verändert sich die Art und Weise, wie man die Dinge bislang angeschaut hat, von Grund auf.

      Betrachten wir nun die von Kakuan Zenji komponierten Verse.


Vom Strauch her ertönt der Gesang des Buschrohrsängers.

      Mit dem Buschrohrsänger ist eine Nachtigall gemeint, die irgendwo in den Zweigen sitzt und weithin ihr Tirillieren erklingen läßt. Das Auffinden des Ochsen, die Erleuchtungserfahrung muss so klar sein wie der Gesang der tirillierenden Nachtigall beziehungsweise das Bumm-Bumm der Trommel bei Meister Mumon oder das Bambus-Klack bei Meister Kyôgen. Wer also in den Dokusanraum kommt und irgendwas Abstraktes daherredet wie etwa "Jedes Ding ist ein Ausdruck von Mu", der spricht nicht von einem konkreten Erlebnis. Abstraktes Gerede, Konzepte, Philosophien und Gedanken sind nur Spielmodelle, aber kein echtes Zen. Das müssen sich Zenlehrer und Zenschüler zu Herzen nehmen. Darum ist es auch sehr wichtig, dies immer wieder zu überprüfen.

Warm scheint die Sonne, mild weht der Wind.
Am Flussufer leuchtet das Grün der Weiden.


       Wer wirklich den Ochsen gesehen und Erleuchtung erfahren hat, ist zum ersten Mal frei von allen Fesseln des Ego und sieht die Realität so, wie sie wirklich ist. Es ist so, als hätte man alles Gepäck von den Schultern abgeladen und kann nun erstmals im Frühjahr den warmen Sonnenschein und den milden Frühlingswind genießen. An beiden Seiten des Flusses haben die Weidenbäume frische grüne Blätter, und ihre Zweige schwingen sanft im Wind.

Niemand kann dem Ochsen mehr entkommen.

      Doch ist nicht nur die milde Frühlingsstimmung, die man mit Augen und Ohren wahrnehmen kann, ein Ausdruck des wahren Ochsen. Die ganze Umgebung, in der wir leben, ist nichts andere als der Ochse selbst. Der wahre Ochse ist das ganze Universum. Wenn das wahr ist, gibt es keine Möglichkeit, dem Ochsen je zu entgehen, wie immer das jemand versuchte. Und:

Kein Maler könnte sein majestätisches Haupt mit den Hörnern malen.

      Niemand ist in der Lage, den lebendigen Ochsen darzustellen, zu beschreiben oder zu zeichnen oder mit Worten auszudrücken.

      Wir müssen aber auch im Blick behalten, dass so eine Erfahrung das Gefühl vermitteln kann, den Teufel im Nacken zu haben. Und ehe man sich versieht, beginnt man mit dieser Erfahrung zu prahlen, sich aufzublähen, die Übungspraxis aufzugeben und den Meister zu verachten. Dann wäre es besser, niemals mit Zen begonnen zu haben. Das "Finden des Ochsen" ist erst die dritte Station in der Entwicklung. Und man muss wissen, daß zu diesem Weg ein unablässiges Bemühen um Verbesserung gehört.


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