Die Zehn Bilder vom Ochsenhirt: 2.Station
Das Finden der Ochsenspuren

Das Finden der Ochsenspuren
                      Einführung
  Er hat die Botschaft der Sutren
          und deren weise Belehrungen vernommen.
   Ihm ist jetzt klar, dass alle Dinge aus Gold sind
          und letztlich nichts anderes als er selbst.
   Weil er aber noch nicht zwischen richtig und falsch unterscheiden kann,
          wie soll er dann in der Lage sein, das Wahre vom Unechten zu trennen ?
   Weil er das Tor noch nicht durchschritten hat,
          muss man sagen: Noch hat er nur die Spur gesehen.
      

       Vers
Unter den Bäumen, am Rande des Wassers - zahlreiche Spuren.
Wohlriechendes Gras sprießt reichlich - könnt ihr das sehen?
Auch wer tiefer in die Berge hineingeht und nach ihm sucht,
Wie könnte auch nur seine Nase, die bis zum Himmel reicht,
       ihm verborgen bleiben?


Mit dem "Finden der Ochsenspuren" ist die Phase gemeint, da man die Abdrücke der Hufe des Ochsen auf dem Boden entdeckt. Meistens ist damit das konzeptionelle Verständnis der Sutren, der Lehren Shakyamunis und der Patriarchen gemeint. Das Studium dieser Texte ermöglicht ein intellektuelles Verständnis der Erfahrung, von der sie sprechen, und damit ein verstandesmäßiges Begreifen der Existenz des Ochsen.

      Wer aber in seiner praktischen Übung mit dem Einsatz aller Kräfte Mu praktiziert, erlebt als erstes, daß die zwei Wesenheiten - Mu und man selbst - im Laufe des Übens einander immer näher kommen und nach und nach eins werden. So entsteht die Überzeugung: "Wenn ich in dieser Weise weiter übe, kann auch ich sicher einmal Kensho erlangen." Dann fließt noch mehr Kraft und Vertrauen in die Mu-Übung. Diese Phase wird das Finden der Ochsenspuren genannt.

      Aber was ist das, ein intellektuelles Verständnis von der Existenz des Ochsen? Gemeint ist die prinzipielle Überzeugung, daß alles Seiende im Himmel und auf Erden vollkommen leer ist. Jede "Form ist Leere", wie es im Herz-Sutra heißt. Wer das Wesen dieser Leere verstanden hat, versteht auch die Aussage, dass alle Dinge im Universum das Selbst sind. So sagt es auch der berühmte Mönch Jô (aus dem 4. Jahrhundert): "Himmel und Erde und ich selbst haben dieselbe Wurzel. Alle Dinge und ich selbst sind eins." Aber: Da gibt es noch ein "Ich", welches diese Aussagen "versteht". Solange es aber noch so ein "Ich" gibt, hat man die innere Wahrheit der Leere und die Bewusstseinsverfassung, die ausgedrückt wird in dem Satz: "Alle Dinge und ich selbst sind eins" nicht wirklich verstanden.

      Darum braucht man unbedingt die persönliche Erfahrung, dass alle Formen wirklich Leere sind. Um zu dieser Erfahrung zu kommen, gibt es nur einen einzigen Weg, nämlich sein ganzes Selbst an Mu hinzugeben und sich selbst zu vergessen, so dass nur Mu übrig bleibt. Wer beharrlich in dieser Weise übt, wird bei der einen oder anderen Gelegenheit die Erfahrung machen, dass er selbst ganz und gar leer ist, ja eigentlich gar nicht existiert, in dieser Leere aber alle Dinge sein wahres Selbst sind. Solange man aber nicht selbst wirklich übt und zu dieser Erfahrung kommt, bleibt das Zenverständnis intellektuell und theoretisch.

      Wer in einem theoretischen, konzeptionellen Zenverständnis gefangen bleibt, verharrt in der Phase der Spurenfindung. Auch wer sich in wissenschaftlicher Weise mit Zen befasst, bleibt - vom Standpunkt der Praxis her gesehen - bei den "Spuren" hängen, so differenziert und sorgfältig die Forschungen auch sein mögen.


      Nun schauen wir wieder auf Meister Kakuans Vers:


Unter den Bäumen, am Rande des Wassers - zahlreiche Spuren.

      Überall sind Hufabdrücke des Ochsen zu sehen, sowohl am Ufer der Bäche und Flüsse als auch in den Wäldern des Umlands. Theoretisch heißt das: "Form ist Leere - Leere ist Form. Himmel und Erde und ich selbst haben dieselbe Wurzel. Alle Dinge und ich selbst sind eins." Aus dem Blickwinkel der Praxis ist jedes Mu so ein Abdruck der Hufe des Ochsen.

Wohlriechendes Gras sprießt reichlich - könnt ihr das sehen?

      Überall ist auch Gras zu sehen. Es riecht wunderbar und schwingt hin und her im Wind. Der Dichter fragt uns, ob wir das wirklich sehen können. Alle Dinge im Universum liegen offen und klar zu Tage und sind gleichermaßen identischer Ausdruck des wahren Faktums. Könnt ihr das verstehen oder nicht? Der Vers scheint nahe zu legen, dass wir dieses Geheimnis nur ein bisschen begreifen können, aber mehr mit dem Kopf und nicht von der authentischen Erfahrung her.

Auch wer tiefer in die Berge hineingeht und nach ihm sucht.

      Je intensiver ihr mit eurem Mu dem Ochsen hinterher jagt, desto weiter zieht er sich in die Berge zurück. Wenn man Mu von außen her betrachtet und im Äußeren verfolgt, entzieht es sich mehr und mehr. Das ist ein besonders wichtiger Punkt: Mu ist nicht irgendwo außerhalb von euch, so daß man es von außen anschauen und ihm nachstellen könnte. Ihr müßt ganz und gar eins sein mit Mu, selber Mu sein.

Wie könnte auch nur seine Nase, die bis zum Himmel reicht, ihm verborgen bleiben?

      Doch aufgepasst! Ist nicht jedes Mu bereits selbst eine Berührung des Ochsen, ein Griff ans Maul und den Nasenring? Ist das nicht der Ochse selbst? Ist das nicht schon die gesuchte Wirklichkeit, die gar nicht verborgen werden kann? Diese Fragen sollen uns warnen

      Wer ausdauernd und vertrauensvoll übt, weiß zwar im Anfang noch nicht so recht, was da vor sich geht, allmählich aber wird ihm klar, wie er Beine, Arme und den ganzen Körper in die richtige Stellung bringen, den Atem kontrollieren und mit Mu üben kann. Im Laufe von einigen Monaten, einem halben oder ganzen Jahr kommt der Geist immer mehr zur Ruhe und die Zazenübung wird tiefer und intensiver. Allmählich reift auch die Überzeugung, dass das weitere Üben mit gleichem Krafteinsatz unfehlbar dazu führen wird, einmal Erleuchtung zu erlangen. So sitzt man mit wachsendem Engagement und größerer Willensfestigkeit, ohne allzu leicht ins Wanken zu geraten. Zwar ist der Ochse noch nicht gefangen, die Zenpraxis aber ist voll in Gang gekommen. Das ist die Phase, von der gesagt werden kann: Man hat die Ochsenspuren gefunden.



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