Die Zehn Bilder vom Ochsenhirt: 1.Station
Die Suche nach dem Ochsen

Die Suche nach dem Ochsen
                      Einführung
  Warum den Ochsen suchen, da er doch nie verloren ging?
  Der Ochsenhirt jedoch hatte ihm den Rücken zugekehrt
         und war dadurch in weite Ferne von ihm geraten;
         nun hat er Staubwolken vor den Augen;
         er verlor ihn ganz aus dem Blick.
  Er entfernte sich immer mehr vom heimatlichen Grund;
         so lief er verwirrt auf verschlungenen Pfaden.
  Verlustangst und Habgier lodern nun auf wie Flammen,
         wie mit Schwertspitzen geht der Kampf um Recht und Unrecht.

       Vers
Unablässig durchstreift er das dichte Gras,
Die Gewässer sind weit und die Gebirge fern,
       der Weg führt ihn ohne Ende.
Alle Kräfte erschöpft, sein Wille gebrochen, weiß er nicht mehr,
       wo weiter zu suchen.
Nur der Gesang der Zikaden vom Ahornbaum dringt abends
       zu seinem Ohr.


Das erste der zehn Ochsenbilder betrifft die Suche nach dem Ochsen. Das ist die Phase, in der die Sehnsucht nach dem wesenhaften Selbst, dem uranfänglichen Selbst, dem Ochsen, virulent geworden ist. Man spricht auch von der ersten Herzensregung, die sich auf das wahre Selbst richtet, eine sehr schöne und wertvolle innere Bewegung. Auch wenn es viele Milliarden Menschen auf der Erde gibt, wissen nur wenige, dass das wesenhafte Selbst absolut vollkommen und grenzenlos ist. In der Tat sind es nur sehr wenige, welche diese Wahrheit persönlich realisiert und in ihr Leben integriert haben. Welches Glück, dem überlieferten authentischen Buddha-Weg begegnet zu sein und den ersten Schritt auf dem praktischen Weg getan zu haben! Schön und kostbar in der Tat!

      Der erste Mensch, der auf dieser Erde realisiert hat, dass unser Wesen ganz und gar vollkommen und absolut grenzenlos ist, war Shakyamuni Buddha. Und sobald ihr das realisiert, wisst ihr auch, dass dieses vollkommene Selbst, der Ochse in unserer Geschichte, nirgendwohin weggehen kann. Shakyamuni sagte auch, dass es eigentlich gar nicht nötig wäre, nach ihm zu suchen, weil wir von Anfang an mit dieser vollkommenen Buddhanatur ausgestattet sind. Das meinte der Satz: "Alle Lebewesen sind vom Urgrund her Buddhas."

      Doch wie steht es mit uns in Wirklichkeit? Niemand kann sagen, auf welche Weise wir "ganz und gar vollkommen und absolut grenzenlos" seien. Immer sehen wir nur unsere eigene Unvollkommenheit, unser Unvermögen und unsere zeitliche Begrenztheit auf eine Lebenszeit von 50 oder 80 Jahren. Das liegt daran, dass wir der wichtigsten Frage, der Frage nach unserem wahren Selbst, den Rücken zukehren und deswegen unser wahres Wesen, die Essenz unseres Daseins nicht wahrnehmen können. Stattdessen schauen wir nur auf die objektive, gegenständliche Welt außerhalb von uns selbst und entfernen uns dadurch mehr und mehr von unserem wahren Selbst.

      Einmal der Vielheit illusorischer Täuschungen verfallen, gehen wir von einem Ding zum anderen und geraten immer mehr in eine hoffnungslose Verlorenheit, bis wir schließlich im Staub der unendlichen Illusionen den Blick auf das wahre Selbst gänzlich verloren haben. Auch wer Zazen praktiziert, kann leicht diesem Missverständnis erliegen. Deswegen ist es wichtig, ganz und gar eins zu sein mit Mu [vgl. das Koan "Jôshûs Hund" in Mumonkan Fall 1], ohne Rücksicht auf das, was man sieht oder hört oder welche Gedanken auch immer kommen. Wer aber glaubt, Mu außerhalb seiner selbst finden zu können, konstruiert sich eine Vorstellung davon. Dann läuft er ihr hinterher und jagt von einem Ding zum anderen, ohne den Lauf stoppen zu können. Auf diese Weise entfernt sich das Mu, das wahre Selbst, nach dem man sucht, immer weiter von einem selbst, bis es ganz verschwindet. Am Ende gelingt es auch nach vielen Jahren nicht, Mu wirklich zu erfassen.

      Die vertrauten Häuser und Berge des eigenen Geburtsortes, des wahren Selbst, rücken in immer größere Ferne, bis man schließlich nicht mal mehr den Weg kennt, auf der man von dort hierher gekommen ist. Selbst wenn der Wunsch zur Rückkehr aufkommt, kennt keiner mehr den Weg zurück. Stattdessen wählt man irgendeinen Seitenweg, der noch weiter weg führt vom wahren Selbst. Aber, was ist mit dem Seitenweg gemeint? Gemeint ist der unendlich aktive kritische Verstand, der wie ein Dolch alles durchstößt und manche Dinge als gut, andere als schlecht beurteilt, je nach dem, wie weit sie dem eigenen Gewinnstreben dienen.

      Wer mit rein materiellen Errungenschaften unzufrieden ist und nach einem tragfähigen spirituellen Fundament sucht, der hat die Phase der "Suche nach dem Ochsen" erreicht. Wer dann aber bei der Zenübung fehl geht und auf irgendwelche Abwege gerät, für den wäre es besser, niemals mit Zazen begonnen zu haben. Darum ist es zu Beginn der Zenpraxis äußerst wichtig, einen authentischen Meister zu finden und sich immer gewissenhaft und selbstkritisch in seiner Übung zu kontrollieren.

      Jetzt wollen wir uns dem Vers von Meister Kakuan näher anschauen:


Unablässig durchstreift er das dichte Gras.

      Mit ganzem Herzen und aller Kraft übt ihr Mu und fegt alles Gras, alle aufkommenden unterscheidenden Gedanken, konsequent beiseite. Die Beine beginnen zu schmerzen und die Knie tun weh. Nachmittags werdet ihr schläfrig; während des Kinhin, der Gehmeditation, lockert ihr die Beine und wascht euch das Gesicht, um die Schläfrigkeit zu vertreiben. Dann fühlt ihr wieder mehr Lebenskraft und widmet euch erneut der Praxis mit Mu.

Die Gewässer sind weit und die Gebirge fern,
der Weg führt ihn ohne Ende.


      Die Suche geht weiter über Berge und Flüsse, immer weiter, aber niemals kommt ihr an einen Ort, da ihr sagen könnt: "Jetzt ist es genug." Tag für Tag gibt es nur das Sitzen mit dem Gesicht zur Wand. Kann man wirklich das Problem von Leben und Tod einfach durch dieses Sitzen lösen? Tausenderlei Gedanken wirbeln durch den Kopf, und der Weg wird immer dunkler.

Alle Kräfte erschöpft, sein Wille gebrochen, weiß er nicht mehr,
wo weiter zu suchen.


      Alle geistigen und körperlichen Energien sind erschöpft. Ihr wißt nicht mehr, wie es weitergehen könnte. "Was kann ich noch tun? Und wie?" Nur wer selbst diese Phase real durchlitten hat, kann verstehen, was damit gemeint ist. Aber genau hier, am tiefsten Punkt, im Großen Tod, ist jener Zustand erreicht, den man auch "Das nahe am Schatzhaus Sein" nennt.

Nur der Gesang der Zikaden vom Ahornbaum dringt abends
zu seinem Ohr.


      Jetzt ist es Abend geworden. In heller Aufregung schmettern die Zikaden ihren kreischenden Singsang vom Ahornbaum: tschieh-tschieh-tschieh-tschieh. Wer solches Gekreische hört, möchte ebenfalls ins Kreischen ausbrechen. "Schon wieder geht ein Tag zu Ende - und alles war umsonst!" Wer solche Gefühle nicht einige Male erlebt hat, wird kaum sein wahres Selbst finden können.

* Zur nächsten Station *

* Zurück zum Inhaltsverzeichnis der Zehn Ochsenbilder *

* Zurück zum Gesamtverzeichnis *

* Startseite *